Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. Als neues Entwicklerstudio haben Sie Liquid Swords das Motto "Zero-Nonsense Video Game Development" (Kompromisslose Videospieleentwicklung) gegeben. Was hat es damit auf sich?
Christofer Sundberg, Gründer und Creative Director: Das bedeutet ganz einfach, dass wir Schwachsinn aus allen Prozessen heraushalten.
Wir haben keine unnötigen Funktionen, keine Inhalte allein für hübsche PowerPoint-Präsentationen und wir hecheln auch keinen Trends hinterher. Wir erschaffen nur, was wirklich ins Spiel gehören soll. Jedes System hat seine Rolle. Jede Spielmechanik hat ihren Wert. Wenn ein Aspekt nicht dafür sorgt, dass die Spieler Spannung, Macht oder Konsequenzen spüren, dann kommt es nicht ins Spiel.
Unsere Kompromisslosigkeit basiert auf Respekt. Respekt für die Zeit, die unsere Spieler uns schenken. Respekt für die Leistungen unseres Teams. Respekt für das Spiel an sich. Wir bringen zwar weniger Sachen raus, aber die sind dafür umso eindrucksvoller und schlagkräftiger.
Können Sie uns einen kurzen Überblick zu Samson geben und uns sagen, wie sich die Entwicklungsphilosophie des Studios im Spiel widerspiegelt?
Sundberg: Samson ist ein realistisches Action-Abenteuer, das durch seine Charaktere lebt. Es spielt in Tyndalston, einer Stadt mit einer langen Geschichte von schlimmen Angewohnheiten und einem noch längeren Gedächtnis. Der Spieler schlüpft in die Rolle von Samson McCray, einem ehemaligen Vollstrecker und Fluchtwagenfahrer, der in seine Heimatstadt zurückkehrt und große Schulden zu begleichen hat. Nachdem ein Raubüberfall in St. Louis völlig schiefgelaufen ist, ging seine Schwester Oonagh einen Deal mit einer Gruppe von Kriminellen ein. Sie verschonten das Leben von Samson und Oonagh, solange Samson ihnen zurückzahlte, was ihnen zustand. Mit Zins und Zinseszins.
Unsere Philosophie kommt überall zum Vorschein. Das Spiel ist straff, konzentriert und hält einen konstanten Druck aufrecht. Kein endloses Grinden. Keine Checklisten für die offene Welt. Du wachst auf, du weißt, dass du jemandem Geld schuldest, deine Uhr tickt und der Stadt ist es total egal, wie du dich dabei fühlst.
Jeder Schlag, jeder Unfall, jede Entscheidung zählt. Die Welt reagiert. Systeme überlagern sich. Konsequenzen türmen sich auf. Das ist es für uns, was "kompromisslos" ausmacht, und das ist im Spiel erlebbar.
Welche Filme, Serien oder Spiele dienten als Inspiration für die Arbeit an Samson?
Sundberg: Viel unserer Inspiration stammt aus ganz unspektakulären Krimigeschichten, in denen die Charaktere die Hauptrolle spielen.
Filme wie Heat, The French Connection, Ronin oder Sicario. Geschichten, in denen Gewalt schnell, hässlich und entscheidend ist. Wo die Spannung aus den Entscheidungen entsteht, nicht aus unentwegten Explosionen.
Bei Spielen haben wir uns Titel angeschaut, die die Handlungsfreiheiten der Spieler und einen gewissen Grundton respektieren. Da wären etwa Mafia, Max Payne, The Last of Us und sogar Disco Elysium. Solche Titel standen Pate dafür, wie Konsequenzen und Identitäten gehandhabt werden. Es geht dabei nicht darum, dass sie sich ähnlich spielen, sondern darum, dass sie ihre Welt ernst nehmen.
Der gemeinsame rote Faden ist Zurückhaltung. Wenn etwas geschieht, dann bedeutet das auch wirklich etwas.
Samson wartet mit einigen einzigartigen Spielmechaniken auf: Aktionspunkte, Polizeireaktionen und die tägliche Schuldenlast, mit der Spieler umgehen müssen. Wie beeinflusst die Kombination dieser Mechaniken das Gesamterlebnis?
Sundberg: Sie erzeugen Druck. Echten Druck.
Aktionspunkte schränken dich dabei ein, was du an einem Tag machen kannst. Die Schulden sagen dir, was du tun musst. Polizei und Schuldeneintreiber bestrafen dich dafür, wie du es tust. Zusammen zwingen sie die Spieler dazu, kontinuierlich harte Entscheidungen zu treffen.
Nimmst du einen riskanten Auftrag an, um schnell an Geld zu kommen, was dir aber viel Ärger einbrockt? Gehst du lieber auf Nummer sicher und gerätst mit deinen Schuldenrückzahlungen in Verzug? Willst du weiterkämpfen, wenn du eigentlich besser nach Hause gehen solltest?
Es gibt keinen perfekten Weg. Du musst immer zwischen Sicherheit, Tempo, Kontrolle und Macht abwägen. Das ist der Spannungsbogen im Spiel. Du spielst nicht mit Stress. Du verwaltest ihn vielmehr mit deinen Fäusten. Das ist Samson.
Jeder Tag in Tyndalston ist eine brutale Lektion für das richtige Verhältnis aus Risiko und Belohnungen. Du kannst dein ganzes, hart verdientes Geld verlieren, wenn du umgehauen wirst. Das verleiht allen deinen Entscheidungen ein zusätzliches Gewicht. Dir stehen jeden Tag zahlreiche Aufträge zur Verfügung, jedoch beeinflussen verschiedene Faktoren, welche Jobs du annehmen und in welcher Reihenfolge du sie angehen kannst.
Zum Beispiel wird dreimal am Tag ein neuer, mächtiger Vorteil zufällig erstellt. Die Vorteile können das Gameplay grundlegend verändern: Doppelte Geldbelohnung für Fahrzeugaufträge oder starke Verbesserungen für die Verteidigung oder die seltene Chance, dein ganzes hart verdientes Geld zu behalten, auch wenn du umgehauen wirst? Das verändert das Spiel stark.
Wenn du abends einen Fahrzeugauftrag mit doppelter Belohnung siehst, dann überlegst du nicht zweimal, ob du den annimmst. Da spielt es auch keine Rolle, dass du bei Rennen eigentlich eher eine Niete bist. Doch was ist, wenn dein Auto von der Action am Vortag schon ramponiert ist und deine Nitro-Flaschen aus dem letzten Loch pfeifen? Die Reparatur und das Nachfüllen kosten Geld, was sich direkt auf dein tägliches Ergebnis auswirkt und dir vorgibt, wie viel deiner Schulden du heute zurückzahlen kannst.
Also: Gehst du auf Nummer sicher und machst nur die Aufträge, bei denen du weißt, dass du sie schaffst, oder hoffst du, dass Fortuna dir hold ist und riskierst alles, um das Maximum aus dem Vorteil herauszuholen? Du magst zwar noch Aktionspunkte übrig haben, aber ein falscher Schritt in Tyndalston kann dich ernsthaft in die Bredouille bringen und ein fehlgeschlagener Job kann dich dein ganzes hart erarbeitetes Geld eines Tages kosten.
Du musst dir daher die Frage stellen: Wann lässt du es gut sein? Wann gehst du besser nach Hause, ruhst dich auf dem Sofa aus und sicherst lieber deinen Fortschritt? Und wann stellst du dein Glück auf die Probe, bleibst noch etwas länger draußen und riskierst etwas, um noch mehr aus dem Tag herauszukitzeln?