Wie wandelt sich die Simulationsbranche und wie reagiert KAI auf diese Veränderungen?
Danny Lee, Direktor und Leiter der Forschungsabteilung M&S: In jüngster Zeit hat sich die Simulationsbranche rasant entwickelt und strukturelle Veränderungen erfahren. Dank der Einführung von Cloud-basierter Simulation stehen Ressourcen mit hoher Performance jederzeit für den Zugriff bereit. Durch die Kombination von digitalen Zwillingen, KI und Technologien maschinellen Lernens ist Simulation nicht länger nur Werkzeug der Reproduktion – sie mausert sich zu einem Werkzeug für Vorhersage und Optimierung.
Darüber hinaus gestalten VR/AR/MR-Technologien Schulungen immersiver und realistischer und ermöglichen Simulationen, die realen Umgebungen ähneln. Dank eines Softwaredesigns, das auf der Microservices-Architektur basiert, verbessern sich auch die Flexibilität und Skalierbarkeit erheblich.
Um dieser digitalen Transformation proaktiv zu begegnen, integriert KAI traditionelle Vorgänger-Simulationssysteme mit der Unreal Engine. Wir verfolgen drei Kernstrategien. Erstens: Die Beschleunigung der Technologieverifizierung und -anwendung durch Rapid Prototyping mit der Unreal Engine. Zweitens: Die nahtlose Integration in bestehende Systeme durch standardisierte Schnittstellen. Drittens: Förderung eines langfristigen Ökosystems durch die Gestaltung einer Plattform für die nachhaltige Entwicklung von Inhalten. Diese Strategien ermöglichen uns eine Wertmaximierung unserer bestehenden Assets und zugleich ebenso flexible wie effiziente Reaktionen auf die sich rasch verändernde technologische Landschaft.
Wie wirkt sich die Unreal Engine auf die sich ständig verändernde Simulationsbranche aus?
Lee: Die Unreal Engine spielt eine zentrale Rolle in der Evolution der Simulationsbranche. Zunächst einmal gestatten uns ihre hochwertigen Echtzeit-3D-Grafiken, realistische, immersive Simulationsumgebungen zu implementieren, welche die Effizienz von Schulungen und Tests erheblich verbessern. Darüber hinaus unterstützt die Unreal Engine eine robuste VR/AR/MR-Integration, die ein wirklichkeitsnahes und erfahrungsbasiertes Lernen in einer Vielzahl von Branchen ermöglicht.
Dank der modularen Architektur und des offenen Ökosystems der Unreal Engine wird die Integration in bestehende Vorgängersysteme erleichtert – inklusive der Flexibilität, neue Technologien und Funktionen schnell zu implementieren. Insbesondere verbindet sie sich nahtlos mit den neuesten Technologien wie digitalen Zwillingen, KI und maschinellem Lernen, was die Effizienz bei der Planung, Wartung und dem Betrieb komplexer Systeme maximiert.
Für Unternehmen wie KAI stellt die Unreal Engine weit mehr als nur ein Werkzeug dar. Es handelt sich um eine Kerntechnologie für die Entwicklung nachhaltiger Simulationsinhalte und den Aufbau neuer Ökosysteme in der Simulation.
KAI hat eine breite Projektpalette vorgestellt, welche die Integration der Unreal Engine in bestehende Systeme unter Beweis stellt. Können Sie für uns näher darauf eingehen?
Lee: KAI setzt die Unreal Engine aktiv in seinem System für Flugzeugschulungen ein, um ebenso realistische wie effiziente Simulatoren zu entwickeln. Ein typisches Beispiel wäre hier der VR-Simulator, der Piloten dabei unterstützt, sich über ein VR-Gerät mit den Abläufen und Steuerungen vertraut zu machen, bevor sie einen Full-Flight-Simulator betreten. Mit der Unreal Engine wurde ein virtuelles Cockpit erstellt, das dem eines echten Flugzeugs haargenau gleicht, und es den Piloten ohne Fluglehrer ermöglicht, alles von Starts und Landungen über Notfallverfahren bis hin zum Betrieb der Avionik wiederholt zu üben.
Obschon herkömmliche Simulatoren realistische Steuerungen und Schulungseffekte auf Flugzeugebene bieten, war da aufgrund der hohen Bau- und Betriebskosten und der Notwendigkeit spezieller Anlagen eine Grenze für den Massenvertrieb. Wir haben die VR-Technologie eingeführt, um diesen Herausforderungen zu begegen und sie zu überwinden – und die Unreal Engine dient als hervorragender Ersatz für Videogeneratoren, Instrumententafeln, Ein-/Ausgabegeräte und mehr. Sie erlaubt uns auch, die Effekte eines großen Demonstrationssystems mit einem einzigen VR-HMD zu erzielen – etwas, wofür normalerweise mehrere Geräte erforderlich wären.
Darüber hinaus kombinieren wir unser proprietäres Dynamikmodell und Avioniksystem mit dem Echtzeit-Rendering der Unreal Engine, um eine Schulungsumgebung zu schaffen, die der realen Erfahrung von Piloten noch näher kommt. Wir stellen außerdem das Gelände der koreanischen Halbinsel anhand hochpräziser Kartierungen wie dem Geografischen Informationssystem (GIS) und dem Digitalen Höhenmodell (DEM) in 3D nach, damit Piloten sich mit dem Gelände des Einsatzgebiets vertraut machen können.
Wartungsschulungen sind ein weiterer Bereich, in dem die Unreal Engine als Kernplattform zum Einsatz kommt. Der auf der I/ITSEC 2024 vorgestellte Wartungssimulator FA-50 wurde nicht nur zum Einüben der Inspektion und des Austausches von Teilen in einer VR-Umgebung entwickelt. Er erlaubt es den Nutzern auch, eigene Schulungsprogramme zu erstellen.
Das liefert eine Alternative, welche die Einschränkungen herkömmlicher dokumentenbasierter Schulungen, computerbasierter Flachbildschirm-Schulungen (CBT) und des sich wiederholenden Szenario-basierten Übens überwindet. Die Virtuelle Flugschulung (VFT) für den Surion-Hubschrauber, die auf dem gleichen Event vorgestellt wurde, bietet eine immersive Trainingsumgebung, welche die Performance- und Geländedaten des echten Fluggeräts durch den Einsatz eines digitalen Zwillings und einer hochauflösenden Visualisierung widerspiegelt.
Uns kam zu Ohren, dass KAI auch KI-Agenten in die Unreal Engine einführt, um fotorealistische, groß angelegte taktische Schulungen zu ermöglichen. Könnten Sie das näher erläutern?
Lee: KAI arbeitet an der Integration von KI-Agenten auf Basis von verstärktem Lernen in reale Schulungsszenarien für die Entwicklung eines taktischen Ausbildungssimulators der nächsten Generation. Insbesondere in komplexen Gefechtsfeldumgebungen, in denen eine breite Palette von Waffensystemen und -plattformen zugleich zum Einsatz kommt, besteht ein wichtiger Bedarf an der Technologie, um sie organisch in einen einzigen Simulationsraum zu integrieren.
Obschon bestehende kommerzielle Simulatorlösungen viele Einschränkungen bei der Integration und Anpassung externer Systeme mit sich bringen, ist die Unreal Engine in der Lage, diese Hürden dank eines Vollzugriffs auf den Quellcode in C++ zu überwinden. Diese Offenheit hat es KAI gestattet, unsere eigenen KI-Agenten präzise zu integrieren, um auch in taktischen Übungsszenarien, die komplexe Interaktionen erfordern, echte Vorteile zu erzielen.
Diese Integration geht über die simple Verwendung der KI hinaus – sie bezieht sich auf eine Struktur, in der menschliche Piloten und KI in der Lage sind, in derselben Simulationsumgebung geschult zu werden und zu interagieren. Die Unreal Engine macht nun möglich, was mit herkömmlichen Lösungen nur schwer umzusetzen gewesen wäre. So bietet die Unreal Engine am Ende eine Plattform, die KI, Echtzeitsimulation und Datenfeedback integriert und eine wesentliche Rolle bei der Implementierung des taktischen Ausbildungssystems der nächsten Generation von KAI spielt.
Können Sie uns etwas über die zukünftige Richtung des Simulations-Ökosystems und die Vision von KAI erzählen?
Lee: In Zukunft wird sich das Simulations-Ökosystem rund um Offenheit, Nachhaltigkeit und Personalisierung entwickeln. Maßgeschneiderte Trainingssysteme auf Basis von KI und Big Data, Hochleistungssimulationen ohne geografische Einschränkungen in Cloud-Umgebungen und immersive Echtzeit-Feedback-Systeme unter Verwendung von VR/AR und tragbaren Technologien werden voraussichtlich die Norm bilden.
Inmitten solcher Veränderungen zielt KAI darauf ab, eine Technologie-integrierte Plattform und ein proprietäres Simulations-Ökosystem aufzubauen und damit den Grundstein für das nachhaltige Wachstum der südkoreanischen Simulationsindustrie zu legen. Wir setzten aktiv auf die Unreal Engine als Simulations-Engine – nicht nur als Entwicklungswerkzeug. Wir entwickeln eine Pipeline für Simulationsinhalte, welche die rasche Produktion qualitativ hochwertiger Inhalte ermöglicht, die sich auf die Plattform konzentrieren.
KAIs Vision besteht darin, sich über die Grenzen Südkoreas hinaus mit dem globalen Simulationsökosystem zu verbinden. Mit der Offenheit und Technologie der Unreal Engine als Fundament ist es unser Ziel, eine Simulationsplattform zu erschaffen, die branchenübergreifend geteilt werden kann, was zu einem gesunden und skalierbaren Ökosystem führt, in dem ein breites Spektrum von Branchen, Organisationen und Entwicklern zusammenarbeiten kann.
Auf Grundlage dieser Vision und der neuen Ausrichtung zielt KAI darauf ab, die Simulationstechnologie über ein reines Schulungswerkzeug hinaus zur Kerninfrastruktur für die Verbesserung der Produktentwicklung, Wartung und Betriebseffizienz zu entwickeln.